Hyposensibilisierung: Nachhaltige Unterstützung für Allergiker

Hyposensibilisierung.

Mit der spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) können Heuschnupfen und andere Allergien behandelt werden – mit Spritzen beim Arzt oder mit Tabletten zu Hause. Der Erfolg hält meist über Jahre an.

Von Ursula Stamm

Hyposensibilisierung ist ein alter Begriff für die spezifische Immuntherapie, kurz SIT. Manchmal wird auch von Desensibilisierung gesprochen. Sie wird insbesondere bei Allergien gegen Pollen (Heuschnupfen), Hausstaubmilben, Tierhaare, Insektengifte oder Schimmelpilze angewendet. Ziel ist es, das Immunsystem durch einen Gewohnungseffekt langfristig unempfindlicher gegenüber den Allergieauslösern zu machen. Die Behandlung wird von den gesetzlichen Krankenkassen komplett übernommen.

Behandlung mit Spritzen (SCIT) oder Tabletten (SLIT)

Zunächst muss für die Behandlung klar sein, worauf jemand allergisch reagiert (Allergen). Das wird in der Regel mit einem sogenannten

Pricktest festgestellt und gegebenenfalls auch mit einem “nasalen Provokationstest”. Bei der Behandlung wird in der Regel ein spezifisches Allergen oder eine kompatible Allergengruppe (etwa die Frühblüher Birke, Erle und Hasel) ausgewählt. Eine Mischung verschiedener Allergene, die nicht zur selben Gruppe gehören, führt zu schlechteren Ergebnissen der SIT.

Die allergieauslosenden Stoffe werden bei dem Arzt oder der Arztin entweder unter die Haut gespritzt (subkutane Immuntherapie, kurz SCIT) oder per Tablette oder Tropfen eingenommen (sublinguale Immuntherapie, kurz SLIT), was man zu Hause machen kann. Bei der SCIT wird das Allergen anfangs wochentlich gespritzt, später dann alle drei bis vier Wochen. Die Dosis wird im Laufe der Therapie langsam gesteigert bis zur sogenannten Erhaltungsdosis, die dann gleich bleibt. Die Tabletteneinnahme oder Tropfeneinnahme, also sublinguale Immuntherapie (SLIT), muss täglich erfolgen bei einer gleichbleibenden Dosis. Eine spezifische Immuntherapie dauert in der Regel drei Jahre.

Nebenwirkungen: Anaphylaktischer Schock kann unbehandelt todlich sein

Bei der sublingualen Hyposensibilisierung mit Tropfen oder Tabletten treten seltener Nebenwirkungen auf als bei der subkutanen Spritzentherapie. Gefahrliche Nebenwirkungen, wie ein anaphylaktischer Schock, der bis zum Tod fuhren kann, treten bei der sublingualen Immuntherapie nicht auf, so Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann, Lungenfacharzt und Allergologe vom Allergie-Centrum der Berliner Charite.

Auch bei der subkutanen Immuntherapie ist ein anaphylaktischer Schock sehr selten. Als Vorsichtsmassnahme mussen Betroffene nach der Spritze 30 Minuten in der Arztpraxis bleiben. Im Ernstfall kann dann sofort mit Medikamenten gegengesteuert werden.

Harmlosere Nebenwirkungen sind etwa Rotungen oder Schwellungen an der Einstichstelle, Niesen, tränende Augen, Schwellungen im Mund sowie Müdigkeit und Kopfschmerzen. Dagegen kann man vorbeugend Antihistaminika einnehmen.

Therapiebeginn auch während der Pollenflug-Saison möglich

Im Idealfall beginnt man mit der spezifischen Immuntherapie drei bis vier Monate, bevor die Pollenfliegen, gegen die man allergisch ist – also bevor das Immunsystem naturlicherweise mit den Allergenen in Kontakt kommt. Inzwischen seien die entsprechenden Medikamente aber so gut geworden, dass

Auch während der Pollenflug-Saison mit einer SIT-Behandlung begonnen werden kann, sagt Allergologe Bergmann: “Nach wie vor gibt es einen gewissen Vorteil, wenn man schon vor der Saison beginnt. Aber wenn man den verpasst hat, kann man auch noch in der Saison beginnen.”

Sport, Ernährung und andere Medikamente während der SIT

Die Hyposensibilisierung oder SIT funktioniert nur, wenn sich die Patientinnen und Patienten an die tagliche Einnahme bei der Tablettentherapie beziehungsweise die Arzttermine für die Injektionen halten. Das erfordert eine gewisse Selbstdisziplin. Im Übrigen gibt es

Keine Einschränkungen während der Behandlung – auch nicht, was sportliche Aktivitäten angeht: “Es ist nichts gegen Sport zu sagen. Man sollte die erste Viertelstunde bis maximal die halbe Stunde abwarten und dann kann man alles andere weitermachen, ohne jede Einschranke. Man kann alles essen und trinken, man kann Autofahren und auch andere Medikamente einnehmen”, sagt Allergologe Bergmann.

Hyposensibilisierung wirkt nicht bei Kontaktallergien

Eine Hyposensibilisierung hilft nicht bei allen Allergien, erläutert Bergmann: “Es hilft nicht bei der

Neurodermitis, einer Nickelallergie oder bei einer Kontaktallergie. Sondern es hilft dann, wenn man eine Allergie hat, die dadurch entsteht, dass man etwas einatmet.” Allergien, die über diesen Weg der Atemwege entstehen, sind Allergien gegen Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare und Schimmelpilze. Einzige

Ausnahme: Allergien gegen

Insektengift; auch hier kann eine Hyposensibilisierung helfen und so die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks auf Dauer bannen.

Hyposensibilisierung: Was gilt für Kinder und bei Schwangerschaft?

Schon Kinder ab einem Alter von fünf bis sechs Jahren können – arztliche Diagnose vorausgesetzt – eine Desensibilisierung per spezifische Immuntherapie machen. Dabei empfehle sich besonders die

Sublinguale Therapie, bei der Tropfen oder sich im Mund schnell auflosende Tabletten verabreicht werden, sagt Prof. Dr. Bergmann.

In der Schwangerschaft sollte man keine SIT beginnen, sagt Allergologe Bergmann. “Wenn man vor dem Eintritt der Schwangerschaft die Immuntherapie begonnen hat, so sollte man sie nur fortsetzen, wenn die Schwangere dies selber wünscht.” Diese Zurückhaltung habe ich weniger damit zu tun, dass es Belege dafür gebe, dass eine SIT dem ungeborenen Kind schaden könne. Vielmehr wolle man auf keinen Fall ein Risiko eingehen.

Erfolgsquote der SIT liegt bei 70 bis 80 Prozent

Die spezifische Immuntherapie ist derzeit die einzige Therapie, die die Ursachen der Allergie (Reaktion auf Allergieauslöser) bekämpft – die überschiessende Immunreaktion des Körpers auf bestimmte Allergene. Diese Reaktion wird durch bestimmte Antikörper vermittelt, die IgE-Antikörper. IgE-Antikörper können im Blut und in der Haut festgestellt werden.

Durch eine spezifische Immuntherapie werden sie verringert, so Prof. Dr. Bergmann: “Diese IgE-Antikörper, die bringe ich nicht vollig aus dem Körper heraus, sondern über die Dauer liegen sie in geringerer Anzahl vor. Entscheidend ist, keine Beschwerden mehr zu haben.” Und das gelinge in 70 bis 80 Prozent der Fälle, so Bergmann. Keine oder weniger Beschwerden durch die Allergieauslöser zu haben, bedeutet zum Beispiel für Menschen, dass sie wieder mit einer Katze in einem Raum sein können oder bei einem Pollenflug nach draußen gehen können, ohne Beschwerden zu haben.

Eine Hyposensibilisierung halt im Durchschnitt etwa zehn Jahre an. “Wenn man einmal einen Erfolg hatte und dann nach fünf bis acht Jahren wieder starkere Symptome bekommt, kann man die spezifische Immuntherapie auch noch mal wiederholen”, sagt Charité-Allergologe Bergmann.